Sie sind hier: integral
DeutschEnglishFrancais
23.11.2017 : 19:19 : +0100

integral

"Nichts ist kraftvoller als eine Idee, deren Zeit gekommen ist."
- Victor Hugo

integral?

etwa: "ausgewogen", "umfassend", "essenziell"

"Integral" ist ein Begriff, der in vielerlei Kontexten verwendet wird. Um gleich ein Missverständnis auszuräumen: gemeint ist hier nicht die leidige Integral-Rechung aus dem Mathematikunterricht.

Ich beziehe mich hauptsächlich auf die Verwendungsweise, die Ken Wilber in seiner integralen Theorie (auch "AQAL" genannt) so schön formuliert hat. Aber es gibt auch andere Quellen, wie Jean Gebser, Clare Graves oder Don Beck. Diese haben mit "integral" eine bestimmte Ebene oder Struktur des menschlichen Bewusstseins bezeichnet. 

Merkmale des integralen Bewusstseins

Sowohl Gebser, Graves/ Beck und Wilber sind sich über diese Punkte einig:

"integral" impliziert:

  • Eine Fähigkeit unterschiedliche Perspektiven, Denk- oder Wertesysteme in einen Gesamtzusammenhang zu bringen, der eine Entwicklungslogik und eine Reihenfolge erkennbar werden läßt.
  • Eine Fähigkeit die vorangegangen Perspektiven, Denk- oder Wertesysteme auf ihre eigene Weise zu schätzen, ihre Vorteile zu nutzen und ihre Nachteile zu umgehen
  • Einen dramatischer Wegfall von Angst.
  • Eine Öffnung für eine besondere Form von Spiritualität, die über das (Prä-) Personale herausgeht - zusammen mit einer weiteren Reduktion des Egozentrismus.
  • Eine neuartige Wachheit, Präsenz und Gegenwärtigkeit die sich in der körperlichen Haltung wiederspiegelt.

Ein integraler Pionier: Jean Gebser

Der Philosoph, Dichter und Kulturanthropologe Jean Gebser ist als integraler Pionier zu nennen, der als einer der ersten die Verwendung des Begriffs in Bezug auf eine Struktur des menschlichen Bewusstseins prägte. In seiner vielzitierten Abfolge der Bewusstseinsstrukturen von archaisch zu magisch zu mythisch zu mental-rational zu aperspektivisch-integral beschrieb er in seinem Hauptwerk "Ursprung und Gegenwart" (1947/48) eine zunehmende Differenzierung und Integration der Weisen, wie Menschen kulturell Sinn bilden.

Er beschrieb die effizienten und defizienten Ausdrucksformen einer jeden Struktur und war der Auffasssung, dass sich inmitten der defizienten Exzesse der mental-rationalen Struktur im 20. Jahrhundert Keime des Neuen fanden, Keime eines Bewusstseins, das in der Lage ist, viele Perspektiven gleichzeitig zu halten ("a-perspektivisch"), ohne dass sie in ein Spiegelkabinett der Ansichten zersplittern ("integral"). Seine Arbeit gilt im integralen Feld auch heute noch als wegweisend.